E009 - Mehr als Schnüffelteppich: Die 5 Säulen des Enrichments

Enrichment für Hunde – Der Schlüssel zu einem erfüllten Hundeleben

In dieser Episode beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Enrichment für Hunde, das für ein erfülltes Leben unserer vierbeinigen Freunde unerlässlich ist.

Angesichts der kalten Jahreszeit verdeutlichen wir, wie wichtig es ist, Hunde auch drinnen sinnvoll zu beschäftigen und gehen dabei der Frage nach, was Enrichment tatsächlich bedeutet und wie es sich von bloßer Beschäftigung unterscheidet.

Wir definieren Enrichment, das ursprünglich aus dem Zoo-Kontext stammt, und erläutern die fünf Säulen des Enrichments, die das Wohlbefinden unserer Hunde fördern. Dabei ist Enrichment nicht als To-Do-Liste, sondern als Lebenshaltung zu verstehen.

Transkript

 
[0:28]So, heute geht es um das Thema Enrichment. Das ist ja in der Hundeszene zu einem ziemlichen Buzzword geworden und wir wollen uns anschauen, was sich genau dahinter verbirgt. Vielleicht war es bei euch ähnlich. Bei uns waren die letzten paar Tage richtig kalt und nass und nicht so einladend für lange Spaziergänge mit viel Beschäftigung. Und auch ich nutze deshalb Tools wie zum Beispiel einen Schnüffelteppich oder Schleckmatten, um meine Vierbeiner drinnen zu bespaßen.
 
 
[1:03]Aber ist das denn jetzt eigentlich schon Enrichment? Und was ist denn der Unterschied zwischen Enrichment und Beschäftigung? Und warum sollte uns genau dieser Unterschied im Alltag bewusst sein? Und das schauen wir uns heute an. Kommen wir also zurück zur Eingangsfrage. Was ist Enrichment? Enrichment stammt eigentlich aus dem Zoo-Kontext und in diesem Kontext bezieht sich Enrichment auf Maßnahmen zur Verbesserung der Umgebung und Betreuung von Tieren in Gefangenschaft. Es ist also ein systematischer Prozess, um die physischen und die psychischen Bedürfnisse der Tiere zu unterstützen.
 
[1:55]Üblicherweise werden dabei unterschiedliche Dinge in den Gehegen angeboten, die arttypische, also natürliche Verhaltensweisen fördern sollen. Durch das Enrichment erhalten die Tiere kreative Möglichkeiten für körperliche Aktivität und auch für mentale Stimulation und Kontrolle darüber, wie sie ihre Zeit verbringen.
 
[2:19]Ein paar ganz einfache Beispiele wären zum Beispiel die Gehegegestaltung, zum Beispiel mit Sand, Schlamm, Baumstämmen oder Blättern zum Spielen. Ganz populär natürlich auch versteckte Nahrung in Spielzeugen oder in Kartons, das kennen wir ja von unseren Hunden auch.
 
[2:41]So Puzzle-Futter-Spender, die die Tiere ein bisschen zum Nachdenken und zum Arbeiten fürs Futter anregen. Natürlich ganz unterschiedliche Spielzeuge, Möglichkeiten zum Klettern oder sogar zum Schwimmen und auch Geräusche wie Musik oder Naturgeräusche vom Band kommen hier in Frage. Das Hauptziel vom Enrichment ist tatsächlich das Vermeiden von Stereotypenverhaltensweisen, also abnormale, sich ständig wiederholende Verhaltensweisen. Das habt ihr vielleicht auch schon bei Zootieren gesehen. Da gibt es zum Beispiel Kopf hin und her werfen, ständiges Auf und Ab oder hin und her gehen oder auch übermäßiges Putzen. Und das Enrichment hat seine Geschichte darin, dass diese Verhaltensweisen für Zoobesucher unattraktiv waren. Und darüber hat man dann angefangen, sich Gedanken zu machen und dabei natürlich Gott sei Dank auch irgendwann herausgefunden, dass diese Verhaltensweisen natürlich darauf hindeuten, dass es den Tieren nicht so richtig gut geht und deshalb ist Enrichment in guten Zoos mittlerweile sehr vielfältig im Angebot.
 
[3:59]Und vielleicht fragst du dich jetzt, wo ist denn dann eigentlich der Unterschied zwischen Enrichment und Beschäftigung? Und ja, das ist schon richtig, da gibt es gewisse Parallelen.
 
[4:11]Ich versuche den Unterschied mal folgendermaßen zu erklären. Beschäftigung ist etwas, was wir dem Tier vorgeben. Meist ist das eine bestimmte abgegrenzte Aktivität. Wenn wir jetzt ein Beispiel aus der Hundewelt nehmen, könnte das zum Beispiel sein, Dummy apportieren.
 
[4:30]Diese Beschäftigung bildet dann meist eine oder auch mehrere Dimensionen aus dem Enrichment ab. Die gucken wir uns gleich noch an. Es ist aber keinesfalls gleichzusetzen mit Enrichment. Und das liegt daran, dass das Enrichment immer mehrere Dimensionen hat. Und man versucht darüber, arttypisches Verhalten nach Möglichkeit vollständig zu adressieren. Ganz gelingt das natürlich nicht, aber wir möchten möglichst viele verschiedene
[5:04]
 
Die fünf Säulen des Enrichments
 
[5:00]Verhaltensweisen aus dem natürlichen Verhaltensrepertoire mit aufnehmen. Und es gibt da tatsächlich ein sehr schönes Modell. Im deutschsprachigen Raum ist das Ganze bekannt als die fünf Säulen des Enrichments und dieses Modell basiert ursprünglich auf den Five Domains Model for Animal Welfare, also wiederum aus dem Zootierbereich beziehungsweise auch aus der industriellen Tierhaltung kam das ursprünglich einmal. Und diese fünf Säulen oder fünf Domänen, wir bleiben jetzt hier eher bei den fünf Säulen für den Podcast, die lassen sich ein bisschen angepasst auch auf die Hundewelt sehr gut anwenden und die möchte ich dir in dieser Folge ein bisschen näher bringen.
[5:51]
 
Säule 1: Ernährung
 
[5:52]Starten wir also gleich mal mit der ersten Säule und das ist die Säule Ernährung. An erster Stelle bei Ernährung, ich glaube das ist ganz logisch, steht natürlich die physiologische Bedürfnisbefriedigung. Es geht also darum, dass der Hund seinen Hunger und auch seinen Durst stillen kann und dass er über seine Nahrung alle Nährstoffe erhält, die er braucht, um gut versorgt zu sein. Das ist jetzt aber tatsächlich noch nicht alles, denn nur Futter im Napf ist zwar eine gute Sache, reicht aber eigentlich noch nicht so ganz aus. Und da können wir uns ein paar Dinge vornehmen und ein paar Fragen stellen, wenn es darum geht, ob wir diese Säule noch optimieren können. Und zwar zum Beispiel, kann der Hund denn das Futter auf arttypische Weise zu sich nehmen? Zum Beispiel aktiv nach Futter suchen, wie das Hunde, wenn sie wild leben würden, ja auch tun würden?
 
[6:57]Und wie ist das eigentlich mit den verschiedenen Aktivitäten, die bei der natürlichen Lahrungsaufnahme üblicherweise so passieren oder durchgeführt werden? Ich denke da jetzt zum Beispiel an Reißen, Ausbuddeln, Kauen, aber auch vielleicht einfach das Futter verstecken und zu einem späteren Zeitpunkt fressen. Und interessant ist auch die Frage, gibt es denn Abwechslung im Futter im Sinne von, gibt es denn verschiedene Konsistenzen oder Varianten in dem Futter? Also vielleicht habe ich ja ein Futter, was sich über mehrere verschiedene Komponenten zusammensetzt, also verschiedene Anteile, zum Beispiel Kohlenhydrate, das Fleisch und Gemüse. Und gibt es dann eine Wahlmöglichkeit für den Hund, wie er fressen möchte und vielleicht auch in welcher Reihenfolge. Da könnt ihr ja mal drüber nachdenken und da gibt es natürlich die Möglichkeit, eine Art Buffet anzubieten und hier Wahlmöglichkeit mit einzubringen.
 
[8:00]
Säule 2: Umwelt
 
[8:01]Die nächste Säule, die wir uns angucken, ist die Säule der Umwelt.
 
[8:07]Und zur Umwelt gehören natürlich verschiedene Dinge. Zum einen das Zuhause und dann natürlich die Umwelt, die unser Hund mit uns erlebt, wenn wir draußen unterwegs sind. Fangen wir einmal Zuhause an. Und ich denke, an erster Stelle steht hier natürlich so ein bisschen der Aspekt Sicherheit zu Hause. Darunter fällt zum Beispiel die Möglichkeit zum sicheren Rückzug. Also habe ich einen sicheren Rückzugsort für meinen Hund? Und solche Dinge wie, gibt es denn ausreichend Ruheplätze, die mein Hund gerne aussucht? Und sind diese Ruheplätze denn auch wirklich ruhig? Also vielleicht nicht direkt vor der Haustür oder direkt am Küchenfenster, wo man quasi den Blick auf die Straße hat und ständig irgendwer vorbeikommt. Also wirklich ein Ruheplatz, der Erholung ermöglicht. Ein weiterer Aspekt, wenn wir die Umwelt anschauen, ist natürlich auch die Stimulation durch die Umwelt, also den Gassigang. Und da ist natürlich so eine Frage, ist denn das Umfeld sensorisch stimulierend? Also kann unser Hund hier verschiedene Reize aufnehmen, die aber trotzdem nicht überfordernd für ihn sind. Also zum Beispiel habe ich verschiedene Untergründe, die ich auf dem Gassigang überschreite.
 
[9:35]Also laufen wir zum Beispiel mal auf Teer, mal im Wald, mal auf Blättern, mal im Sand etc., mal auf Gras. Das sind natürlich Dinge, die sind sensorisch stimulierend für den Hund. Und ganz wichtig für unsere Hunde natürlich auch die Welt der Gerüche, die natürlich auch großzügig erkundet werden soll. Und dann haben wir natürlich auch Geräusche, die uns begegnen, wenn wir unterwegs sind. Und bitte daran denken, für all diese Dinge braucht unser Hund natürlich ausreichend Zeit, um die Reize in seinem Tempo aufnehmen und verarbeiten zu können.
 
[10:17]
Säule 3: Gesundheit
 
[10:17]Für die nächste Säule bleiben wir auch noch ein kleines bisschen im Bereich der Grundbedürfnisse, denn das ist die Säule der Gesundheit. Gesundheit ist natürlich ein sehr, sehr wichtiger Aspekt und da ist natürlich wichtig, dass dein Hund ausreichend medizinisch versorgt ist. Dazu gehört natürlich, dass du bei Krankheiten rechtzeitig und schnell zum Tierarzt gehst. Aber für mich gehören da auch Vorsorgemaßnahmen dazu, also Impfung, Entwurmung, regelmäßige Check-Ups, alles, was dazu beiträgt, deinen Hund gesund zu halten. Und natürlich müssen wir, wenn es um die Gesunderhaltung geht, auch darüber nachdenken, dass wir Unfälle vorbeugen, Also entsprechend zum Beispiel vorsichtig im Sport unterwegs sind und unseren Hund aber auch anleinen und beim Autofahren sichern, wenn es hier im Straßenverkehr einfach die Situation erfüllt.
 
[11:21]Und jetzt merken wir schon, okay, hier sind wir also viel auch im Bereich Tierarzt, Tierarztbesuche. Das heißt, zu dieser Säule der Gesundheit gehört natürlich auch, wie das Ganze abläuft. Also werden die Behandlungen zum Beispiel so angenehm für den Hund gestaltet, wie es irgendwie geht. Gibt es denn die Möglichkeit für den Hund, dass er über Kooperation bei der Behandlung mitarbeitet? Also da auch eine Selbstwirksamkeit und eine Entscheidungsfreiheit erlebt. Und in dem Bereich natürlich ganz wichtig, das Medical Training zur Vorbereitung, eine bessere Gewöhnung an verschiedene Behandlungen, an verschiedene Prozeduren, die beim Tierarzt stattfinden können, hilft natürlich dabei, dass das Ganze ein positives oder zumindest nicht ganz so schlimmes Erlebnis für den Hund wird. Wenn wir schon beim Bereich Medical Training sind, sollten wir natürlich, wenn wir uns die Gesundheit angucken, auch die Pflege daheim nicht außer Acht lassen. Also da gehört natürlich dazu Fellpflege, Krallenpflege, so wie sie denn nötig ist, oder Medikamente eingeben. Und da können wir natürlich entsprechend auch dafür sorgen, dass das Dinge sind, die für unseren Hund ja einfach keine negative Emotionen mitbringen, indem wir das Ganze gut trainieren und gut vorbereiten.
 
[12:50]Noch ein weiteres Thema fällt auch in die Säule der Gesundheit und das ist der Bereich Fitness. Dazu gehört natürlich, dass der Hund ausreichend Bewegung braucht, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Und wir denken daran, es geht uns ja hier um arttypische, um natürliche Verhaltensweisen. Das heißt, die Bewegung sollte auch nach Möglichkeit Freilauf, also natürlichen Bewegungsmustern des Hundes folgen. Das ist jetzt natürlich nicht mit jedem Hund immer 100 Prozent möglich. Nicht alle Hunde können einen Freilauf genießen, aber da wäre entsprechend eine Anpassung.
 
[13:32]Dass man hier mit einer langen Leine arbeitet oder vielleicht gesicherte Freilaufgebiete aufsucht, wo der Hund entsprechend seine natürlichen Bewegungsmuster ausleben kann, wo er rennen kann, wo er einfach die Tempi, das Tempo im Spaziergang ein bisschen wechseln kann. Denn wir Menschen sind ja oft ein bisschen zu langsam für unsere Hunde oder alternativ zu schnell, wenn gerade geschnüffelt wird. Das heißt, die Bewegung sollte tatsächlich den natürlichen Bedürfnissen des Hundes angepasst werden. Und wenn wir noch kurz bei der Fitness bleiben, gehört für mich da eigentlich auch dazu, dass wir Schwachstellen, die unser Hund vielleicht im Bewegungsapparat mitbringt, auch gezielt durch Übungen ausgleichen, zum Beispiel Physiotherapie mit dem Hund machen oder einfach entsprechende Fitnessübungen. Denn wie wir auch haben unsere Hunde gerade mit zunehmendem Alter so ihre Zipperlein und jeder hat so ein bisschen seine Schwachstellen. Und da ist es natürlich gut, wenn wir die entsprechend ein bisschen abfangen, indem wir hier ganz gezielt trainieren.
 
[14:39]Und natürlich auch noch ein Aspekt der Fitness. Wir gehen ja jetzt hier in Richtung Weihnachten. Von daher passt das ganz gut ins Thema. Wie ist es denn mit dem Gewicht? Das Gewicht des Hundes sollte natürlich auch nicht zu hoch sein. Natürlich soll er auch nicht hungern und zu dünn sein. Aber auch das Gewicht muss natürlich kontrolliert werden und sollte sich im entsprechenden Rahmen behalten. Auch das ist unbedingt wichtig für die Gesundheit unserer Vierbeiner.
 
[15:08]
Säule 4: Entscheidungsfreiheit und Kontrolle
 
[15:08]Das war’s mit den ersten drei Säulen und richtig spannend wird es jetzt bei der Säule 4. Im deutschsprachigen Raum hat sich für die Säule 4 so ein bisschen die Begrifflichkeit Entscheidungsfreiheit und Kontrolle eingeprägt. Im ursprünglichen Modell ist es allerdings ein bisschen anders. Da nennt sich diese Säule Behavioral Interactions, also die Interaktionsverhaltensweisen. Und genau um die geht es auch. Ich finde aber trotzdem, dass Entscheidungsfreiheit und Kontrolle hier sehr, sehr gut passt und das Ganze so ein bisschen als Überbegriff für die deutsche Übersetzung echt gut gewählt ist. Und diese Interaktionen, also diese Komponenten der Entscheidungsfreiheit und der Kontrolle, Die können wir in drei verschiedenen Interaktionen betrachten.
 
[16:05]Zum einen, also allererstes, ist das die Interaktion im Zusammenhang mit der Umwelt. Das bedeutet, der Hund hat die Wahl, wie er mit der Umwelt interagieren will. Er kann sich also zum Beispiel frei und auf unterschiedliche Art und Weisen bewegen. Das hatten wir ja gerade schon bei der Gesundheit. Aber er kann auch entscheiden, wie und ob und wie viel er mit der Umwelt interagiert. Das ist ganz wichtig, wenn wir an die Spaziergänge denken, wenn es da Herrchen oder Frauchen ein bisschen eiliger hat und der Hund einfach nicht die Möglichkeit hat, seinen natürlichen Bedürfnissen so nachzukommen, wie er das braucht, dann ist das natürlich ein bisschen schade für den Hund. Und da nehmen wir ihm entsprechend auch die Möglichkeit zu entscheiden und die Kontrolle über seine eigene Freiheit und über seine Interaktion, indem wir ihn zum Beispiel an der Leine weiterziehen oder nörgeln und sagen, jetzt komm doch. Das ist natürlich was, wo wir ein Stück weit Entscheidungsfreiheit und Kontrolle beschneiden würden. Deshalb ist das wichtig, dass wir hier eine natürliche Interaktion mit der Umwelt fördern und zulassen. Die zweite Art der Interaktionen, die in diese Säule reinfällt, ist die Interaktion im Zusammenhang mit anderen Tieren und Artgenossen.
 
[17:29]Und hier ist es wichtig, wenn wir uns die Entscheidungsfreiheit und Kontrolle angucken, dass der Hund die Wahl hat, sich für oder gegen Kontakte zu entscheiden, so wie das natürlich jeweils möglich ist. Also ich rate hier natürlich nicht unbedingt dazu, sich für den Kontakt mit dem Reh zu entscheiden, das gerade wegrennt. Da sind wir dann im Jagdverhalten, was zwar auch eine atypische Verhaltensweise ist, aber das ist jetzt nicht, was ich hier meine, sondern ich denke hier tatsächlich in erster Linie an die Hundekontakte, die natürlich positiv oder auch negativ verlaufen können. Und innerhalb dieser Kontakte ist es für unsere Hunde sehr schön, wenn sie natürlich hier die Möglichkeit zur arttypischen Kommunikation haben, also freie Kommunikationsmöglichkeit haben. Aber ganz, ganz wichtig und ich finde, das wird auch viel zu oft übersehen, dass dazu natürlich aber auch die Abwesenheit von Bedrohungen zählt.
 
[18:32]Das heißt, wenn unser Hund das Gefühl hat, der andere Hund ist ihm zu viel oder er fühlt sich eventuell sogar bedroht, sollte es Möglichkeiten zum Rückzug geben. Also immer bei der Interaktion mit anderen Tieren, Artgenossen, bitte bietet euren Hunden die Möglichkeit zum Rückzug und dazu Schutz bei euch zu suchen, denn so stärkt ihr auch das Gefühl, dass euer Hund hier Kontrolle über die Situation hat und hier nicht von Dingen bedroht ist, die nicht in seinem Einflussbereich liegen.
 
[19:05]Damit sind wir schon nun bei Nummer drei der Interaktionen in der Säule vier und das ist die Interaktion mit dem Menschen. Und hier können wir tatsächlich richtig, richtig viel tun und richtig genau hinschauen. Denn zum einen wäre hier bei der Interaktion mit dem Mensch zu bedenken, dass wir dem Hund die freie Entscheidung lassen können, wie er mit uns interagiert und besonders auch, ob Körperkontakt gewünscht ist oder vielleicht auch tatsächlich nicht. Dazu gehört auch, dass wir unser Training, unser hoffentlich belohnungsbasiertes Training auf Basis von Freiwilligkeit aufbauen. Das heißt, wir zwingen den Hund nicht in eine Interaktion und in eine Zusammenarbeit, die er vielleicht nicht möchte. Und wenn wir in dem Bereich Kontrolle sind und in dem Bereich Entscheidungsfreiheit, gehört für mich ehrlich gesagt auch dazu, dass wir hier in Abwesenheit von Strafe arbeiten, denn da sind wir wieder bei bedrohlichen Situationen, in denen der Hund eigentlich hier keine Wahl hat und wir ihm hier die Freiwilligkeit absprechen.
 
[20:21]Wichtig auch, wenn wir an Kontrolle oder das Gefühl von Kontrolle für den Hund in der Interaktion mit uns denken, ist natürlich, dass wir unsere Handlungen für den Hund klar ankündigen. Das heißt, unser Hund weiß zu jedem Zeitpunkt, was er von uns zu erwarten hat. Dazu gehört natürlich aber auch, dass wir als Menschen hier genau hingucken und uns hier auch selbst weiterbilden. Das heißt, wir brauchen Kenntnisse hinsichtlich der Körpersprache, denn wenn wir natürlich die Mimik, die Körperhaltung besser erkennen können und besser lesen können, dann sind wir hier auch einfach besser in der Lage zu erkennen, wenn unser Hund Nein sagt, wenn es ihm eventuell zu viel wird. Und wir sollten natürlich auch Kenntnisse hinsichtlich des Handlings von unserem Hund haben, damit wir auch hier einfach respektvollen Umgang pflegen können, gerade wenn wir zum Beispiel irgendwie Pfötchen sauber machen etc. Ist es schon ganz gut, wenn wir uns ein bisschen klar machen, in welchen Winkeln der Hund die Pfoten von seinem Körper abspreizen kann und in welchem vielleicht nicht. Auch das gehört natürlich zu einer Interaktion mit dem Mensch und auch hier haben wir entsprechend gestaltungsfreie Räume und sollten hier Wahlmöglichkeiten zulassen.
 
[21:45]Damit haben wir jetzt schon die ersten vier Säulen kennengelernt.
 
[21:50]
Säule 5: Emotionale Zufriedenheit
 
[21:51]Die fünfte Säule lässt sich relativ kurz erklären, denn die Säule 5 bringt alle anderen Säulen zusammen. Es geht nämlich darum, die mit Säulen 1 bis 4 verbundenen negativen und positiven Effekte gemeinsam zu betrachten. Deshalb trägt diese Säule den Titel Emotionale Zufriedenheit oder im Englischen auch Mental State. Und da geht es einfach um die Abwägung, erlebt der Hund mehr angenehme oder mehr unangenehme emotionale Zustände in seinem Leben? Und natürlich ist hier wichtig, wie oft erkennen wir denn bei unserem Hund positive Emotionen und wie oft sehen wir negative Emotionen.
 
[22:46]Und das sind dann eigentlich auch schon die fünf Säulen. Wir haben Säule 1, die Ernährung. Wir haben Säule 2, die Umwelt. Säule 3, Gesundheit. Säule 4, Entscheidungsfreiheit und Kontrolle. Und Säule 5, emotionale Zufriedenheit. Und wenn du dir das genau überlegst, dann wirst du so ein bisschen feststellen, dass die Säulen des Enrichments so ein bisschen versuchen, alle Aspekte im Leben
[23:20]
Enrichment als Lebenshaltung
 
[23:19]deines Hundes abzudecken. In der Praxis ist es natürlich nicht immer möglich, dass wir jede Säule zu jeder Zeit vollständig erfüllen.
 
[23:31]Aber dazu kannst du dir gedanklich die Säulen so ein bisschen als Kontomodell vorstellen. Also stell dir einfach jede Säule als ein Geldkonto vor. Und wenn alle Konten gut gefüllt sind, ist dein Hund insgesamt mental gestärkt, resilienter und kann mit Stress und Herausforderungen besser umgehen. Wann du welche Säule wie befüllst, da hast du natürlich entsprechend Freiräume beziehungsweise idealerweise, das haben wir ja schon mitbekommen, gibst du deinem Hund die entsprechenden Freiräume, wann er welche Säule wie bespielen möchte. Ich finde aber wichtig, dabei auch nochmal zu verstehen, dass es sich jetzt hier nicht um eine Liste handelt, die wir irgendwie abarbeiten sollten. Denn die Komponente der Entscheidungsfreiheit, das ist dir bestimmt auch aufgefallen, Die ist hier absolut essentiell, denn dein Hund ist ja ein Individuum und dein Hund hat nicht jeden Tag exakt die gleichen Bedürfnisse wie am Tag davor und am Tag danach und er hat auch nicht jeden Tag dieselbe Laune, dieselbe Stimmung. Deshalb ist es schön, wenn wir die Möglichkeit haben, einfach Enrichment aus allen fünf Säulen anzubieten und der Hund kann auswählen, was und wie viel für ihn gerade passt.
 
[24:56]Und vielleicht fragst du dich an dieser Stelle, warum ich gerade jetzt in der Dezember-Folge, also zum Jahresende dieses Thema, mitbringe.
 
[25:08]Und zwar ist das Jahresende für mich auch immer eine Möglichkeit zur Reflexion. Die Zeit zwischen den Jahren lädt uns so ein bisschen zur Rückschau ein, so ein bisschen zur Einkehr und einfach zum Nachdenken über unser Leben und unsere Situation. Und natürlich in dem Zusammenhang auch über die Beziehung zu unserem Hund. Und ich stelle mir dann oft die Frage, wie war das Leben für meine Hunde im vergangenen Jahr? Hatten sie ein wirklich bereichertes Leben oder war es einfach nur viel Trubel und einfach nur ein volles Leben? Denn der Unterschied ist groß zwischen beschäftigt sein und bereichert sein im Sinne von Enrichment. Und viele Hunde sind erschöpft von einem stressigen Alltag, aber nicht unbedingt erfüllt. Und das Enrichment sollte aber kein To-Do sein, was wir abarbeiten, sondern tatsächlich eine Haltung, die sich im Alltag und im Leben mit unseren Hunden einfach widerspiegelt. Und gerade jetzt zu den oder vor den Feiertagen, wo relativ viel Stress auf unsere Hunde zukommt, zeigt sich doch immer auch, dass ein bereichertes Leben und ein ausgeglichenes Leben auch einfach resilienter macht gegen Stress.
 
[26:29]Und zusammenfassend lässt sich also sagen, Enrichment ist keine Liste, die du abhaken solltest, sondern es ist eine Art und Weise, wie du mit deinem Hund lebst und was du ihm im Alltag anbietest. Und die fünf Säulen können dir dabei ein bisschen Richtung geben, ein bisschen ein Leitstern sein, wie das Ganze funktionieren kann.