E010 - Alleinebleiben: Fragen und Antworten

Dein Hund jault, wenn du gehst? Zerfetzte Kissen und Pfützen erwarten dich nach der Rückkehr? Trennungsstress ist ein ernsthaftes Problem, das viele Hundehalter verzweifeln lässt. Die gute Nachricht: Du bist nicht allein und es gibt Lösungen! In dieser Podcast-Folge beantworte ich die wichtigsten Fragen zum Thema Trennungsstress und zeige dir, wie du deinem Hund Schritt für Schritt das entspannte Alleinebleiben beibringst.

Du suchst Hilfe beim Alleinebleiben-Training?

Ich begleite dich Schritt für Schritt zusammen mit deinem Hund durch den gemeinsamen Trainingsprozess. Wir entwickeln einen individuellen Plan, der zu eurer Situation passt.

Transkript

Tanja:
[0:28] Vielleicht kennst du dieses Problem. Du ziehst deine Jacke an, greifst nach deinem Schlüssel und dein Hund fängt bereits an zu jaulen.

Tanja:
[0:39] Oder noch schlimmer, du kommst nach Hause und du findest zerfetzte Kissen, Pfützen auf dem Boden und einen völlig aufgelösten Vierbeiner. Trennungsstress beim Hund ist ein ernsthaftes Problem, das viele Hundehalterinnen verzweifeln lässt. Die gute Nachricht dabei, du bist nicht allein mit diesem Thema und es gibt auch Lösungen dafür. In dieser FAQ-Folge beantworte ich dir ein paar wichtige Fragen zum Thema Trennungsstress beim Hund. Du erfährst, warum das Alleinebleiben für Hunde so schwierig ist und welche Symptome auf Trennungsangst hindeuten und wie du das Schritt für Schritt trainieren kannst.

Tanja:
[1:20] Ich räume dabei auch mit ein paar beliebten Mythen auf, denn nicht jedes gut gemeinte Hilfsmittel ist tatsächlich hilfreich. Starten wir mit den Grundlagen. Warum sind Hunde nicht gerne alleine? Die Antwort liegt in der Biologie der Hunde und auch in unserer modernen Hundehaltung. Hunde sind obligat sozial. Das bedeutet, sie brauchen zwingend soziale Kontakte zu anderen Lebewesen, insbesondere Artgenossen und Menschen, um psychisch gesund zu bleiben. In unserer modernen Hundehaltung hat sich der Mensch als primärer Bindungspartner etabliert, also auch ein Zweithund ist kein Ersatz. Und wir haben unsere Hunde über Jahrtausende darauf gezüchtet, eng mit uns zusammenzuleben und zu kooperieren. Dazu kommt noch ein ganz praktisches Problem, was auch mitursächlich ist für den Trennungsstress. Der Mensch ist für den Hund ein Schlüssel zur Befriedigung all seiner Grundbedürfnisse.

Tanja:
[2:26] Futter, Draußenzeit inklusive Toilettengänge, Beschäftigung und soziale Interaktion, all das wird zum Großteil von uns kontrolliert. Und aus Hundesicht bedeutet deshalb Mensch weg, gleichzeitig keine Möglichkeit, diese grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen. Und diese Abhängigkeit macht das Alleinsein für viele Hunde verständlicherweise zu einer bedrohlichen Situation. Denn das ist nicht Boshaftigkeit oder mangelnde Erziehung, wenn dein Hund Schwierigkeiten mit dem Alleinebleiben hat. Es ist ein nachvollziehbares Problem, das biologisch und sozial begründet ist, denn der Hund ist eng an uns gebunden und benötigt uns zur Bedürfnisbefriedigung.

Tanja:
[3:14] Starten wir nun mit den Fragen und Antworten. Die erste Frage, die mir häufig begegnet, ist die Frage, wie lange dürfen Hunde eigentlich alleine bleiben.

Tanja:
[3:26] Darauf gibt es keine pauschale Antwort, denn hier spielen natürlich auch viele individuelle Faktoren eine Rolle. Mit gutem Training in kleinen Schritten sind bei einem erwachsenen und gesunden Hund alleine Zeiten von ungefähr 5 Stunden gut möglich. Das ist aber ein Richtwert und keine festgeschriebene Regel. Wichtig zu beachten, Welten können und sollten nicht bzw. Nur deutlich kürzer alleine gelassen werden. Ihre Blase ist noch sehr klein und ihre emotionale Entwicklung ist noch voll im Gange, aber mehr dazu erfährst du später noch. Und auch Senioren brauchen oft mehr Zuwendung und haben häufiger Toilettengänge nötig. Mit zunehmendem Alter können also längere Trennungszeiten zum Problem werden, selbst wenn der Hund früher gut alleine bleiben konnte. Natürlich sollten auch kranke Hunde nicht alleine gelassen werden. Sie brauchen Betreuung und im Notfall auch schnelle Hilfe. Und natürlich spielt auch die individuelle Persönlichkeit des jeweiligen Hundes eine Rolle. Manche Hunde sind naturgemäß selbstständiger und haben weniger Probleme mit dem Alleinebleiben. Und andere brauchen die Nähe zur Bezugsperson einfach viel mehr. Nicht jedes Bellen bedeutet gleich Trennungsstress. Aber es gibt ein paar klare Warnsignale.

Tanja:
[4:55] Welche Anzeichen für Trennungsstress gibt es also? Das erste und wichtigste Anzeichen. Dein Hund verhält sich anders, als er es zu dieser Tageszeit tun würde, wenn du da wärst. Würde er normalerweise um 14 Uhr auf seinem Lieblingsplatz schlafen und er läuft dabei stattdessen unruhig hin und her, sobald er alleine ist, dann ist das schon ein deutliches Zeichen, dass hier etwas nicht stimmt. Weitere häufige Verhaltensweisen, die bei Trennungsstress vorkommen, sind die folgenden. Das Zerstören von Gegenständen, Vokalisieren, also zum Beispiel Bällen, Jaulen, Winseln oder Heulen, Kot- oder Urin absetzen, obwohl der Hund natürlich eigentlich stubenrein ist, Der Bezugsperson dauerhaft folgen, wenn sie da ist, das sind die sogenannten Schattenhunde. Stresssignale beim Abschiedsritual, zum Beispiel Zittern, Hecheln, Unruhe, wenn du Jacke oder Schuhe anziehst.

Tanja:
[6:06] Extremes Begrüßungsverhalten, übermäßige Freude bei Rückkehr, als wäre er monatelang getrennt gewesen und dein Hund kommt gar nicht mehr zur Ruhe. Kein Fressen während der Alleinezeit, selbst Lieblingsleckerlis, die du zurücklässt, werden komplett ignoriert. Oder auch Anzeichen für Depression, also Rückzug oder völlige Apathie während der Alleinezeiten. Und auch Speicheln, Erbrechen oder Durchfall als körperliche Stressreaktion. Ein oft übersehenes, aber besonders alarmierendes Signal ist das sogenannte Freezing. Manche Hunde zeigen keine aktiven Verhaltensweisen. Sie erstarren also komplett und verharren bewegungslos und warten in absoluter Starre, bis ihre Bezugsperson zurückkommt. Man könnte jetzt meinen, diese Hunde sind brav, aber das wird leider oft fehlinterpretiert, denn der Hund leidet massiv bei einem solchen Verhalten.

Tanja:
[7:10] Kommen wir zur nächsten Frage. Warum jault oder bellt mein Hund, wenn er alleine ist? Die ehrliche Antwort, es geht ihm nicht gut. Dein Hund möchte in dem Fall seine Bezugsperson zurückholen oder ihr folgen. Bellen und Jaulen sind Kontaktlaute und aus evolutionärer Sicht ein Versuch, die getrennte Gruppe wieder zusammenzuführen. Es ist keine Boshaftigkeit, keine Manipulation und natürlich auch kein Testen von Grenzen, sondern dein Hund ist in echter Not. Das Vokalisieren ist ein Hilferuf und kein Verhaltensproblem im klassischen Sinne. Dieses Verständnis ist ganz wichtig, denn es hilft dir mit mehr Empathie anstatt mit Frustration zu reagieren.

Tanja:
[8:01] Warum zerstört mein Hund Dinge beim Alleine-Sein? Auch hier lautet die Antwort Stress. Das Zerstören von Gegenständen ist ein Versuch, Stress abzubauen. Und das Zerkauen und Zerreißen kann eine Art Selbstberuhigung sein. Ähnlich wie manche Menschen in Stresssituationen zum Beispiel an den Fingernägeln kauen. Dein Hund bestraft dich also jetzt nicht fürs Weggehen, sondern er versucht ganz verzweifelt mit einer für ihn überwältigendsten Situation klarzukommen.

Tanja:
[8:36] Oft werden ja auch Türen oder Fenster angekaut oder sogar zerstört. Und dann kann es sein, dass das hier eine sogenannte Barrierefrustration ist, die hier mit im Spiel ist. Das bedeutet, dein Hund möchte unbedingt hinter dir her, aber durch die verschlossenen Türen wird er daran gehindert. Er versucht also panisch nach einer Lösung und möchte unbedingt hinterher und dabei zerstört er das, was ihn von dir trennt, also die Barriere. Ganz wichtig auch zu wissen, wenn dein Hund zerstörende Verhaltensweisen zeigt, dann sind Strafen nach der Rückkehr absolut kontraproduktiv. Denn dein Hund kann das Zerstören von vor einer Stunde nicht mit deiner aktuellen Reaktion verknüpfen. Und du machst die Situation nur noch schlimmer, weil jetzt noch deine Heimkehr, wo der Hund sowieso schon wirklich gestresst und in Panik ist und die verbindest du jetzt nochmal zusätzlich mit negativen Emotionen, also tu das bitte nicht.

Tanja:
[9:42] Auch eine häufige Frage, mein Hund kann im Auto super alleine bleiben, in der Wohnung aber überhaupt nicht. Oder natürlich auch umgekehrt. Ja, das ist tatsächlich möglich und kommt auch häufiger vor. Das liegt daran, dass unsere Hunde extrem kontextbezogen lernen. Was also in der Wohnung trainiert und gelernt wurde, das gilt nicht automatisch auch für das Auto und natürlich auch nicht für die Ferienwohnung oder das Hotelzimmer im Urlaub. Ein Hund unterscheidet sehr genau zwischen den verschiedenen Situationen. Das Auto hat andere Geräusche, andere Gerüche, ein anderes räumliches Empfinden als die Wohnung. Für deinen Hund ist das Alleinsein im Auto also eine völlig andere Situation als das Alleinsein in der Wohnung. Das bedeutet in der Praxis, du musst das Alleinebleiben für jeden Kontext separat aufbauen. Das gilt natürlich auch für Orte, die nur temporär besucht werden. Ich denke da insbesondere an den Urlaub. Plan also für den Urlaub auch zusätzliches Training ein. Lass deinen Hund nicht einfach alleine und sorge gegebenenfalls für eine Betreuung am Urlaubsort.

Tanja:
[11:02] Kommen wir nun in der Fragereihe zum Thema Welpen und alleine bleiben. Denn natürlich haben Welpen ganz besondere Bedürfnisse und das schauen wir uns ein bisschen genauer an. Erste Frage, ab wann kann man einen Welpen alleine lassen? Dazu gleich zu Anfang die wichtige Regel, direkt nach dem Einzug kannst du deinen Welpen gar nicht alleine lassen. Denn der Welpe hat gerade die Trennung von Mutter und Geschwistern durchlebt und das ist eine massive emotionale Umstellung. Was er jetzt braucht, ist Sicherheit, Bindung und eine verlässliche Bezugsperson, die für ihn da ist. Ein vorsichtiges Training kann dann beginnen, wenn dein Welpe sich eingelebt hat und eine erste gute Beziehung zu dir aufgebaut wurde. Das kann nach zwei bis drei Wochen der Fall sein. Aber selbst dann, die Trennungszeiten bleiben hier sehr kurz, also wirklich im Sekundenbereich.

Tanja:
[12:06] Also ganz realistisch betrachtet, in den ersten ungefähr acht Monaten sollte immer jemand für den Welpen da sein. Das bedeutet, du brauchst ein zuverlässiges Betreuungsnetzwerk aus Familie, Freunden, Nachbarn, vielleicht auch ein Hundesitter oder einfach die Möglichkeit, den Welpen mitzunehmen, wenn du gehst. Ich weiß, das klingt nach einer großen Anforderung, aber die ersten Monate prägen das gesamte spätere Zusammenleben mit deinem Hund. Und Trennungsstress, der in der Welpenzeit entsteht, ist oft besonders hartnäckig und dann auch schwer zu behandeln. Wie trainiert man nun das Alleinebleiben bei Welpen? Ganz, ganz wichtig, kleinschrittig, geduldig und ohne jede Überforderung. Das sind beim Welpentraining immer die Grundregeln und die gelten auch für das Alleinebleiben. Ich stelle dir hier einen beispielhaften Trainingsaufbau vor, aber bitte beachte, das ist natürlich individuell für jeden Welpen unterschiedlich. Phase 1 Räumliche Trennung bei Sichtbarkeit Das bedeutet, du gehst in einen anderen Raum, die Tür bleibt offen. Das hat ungefähr eine Dauer von 1 bis 2 Sekunden, das heißt, du kommst zurück, bevor dein Welpe reagiert.

Tanja:
[13:35] Phase 2 wäre dann eine kurze optische Trennung. Das bedeutet, die Tür wird zum Beispiel kurz geschlossen. Auch hier ganz, ganz kurz zwischen 2 und 5 Sekunden. Dann kannst du ganz, ganz langsam steigern auf mehrere Sekunden und vielleicht maximal eine Minute, wenn das gut läuft. Und denke immer daran, bitte zurückkommen, bevor dein Welpe reagiert, sonst hast du es übertrieben.

Tanja:
[14:07] Phase 3, und da ist dein Welpe vermutlich schon kein Welpe mehr, sondern ist eher im Junghunde-Bereich, ist dann das Verlassen der Wohnung. Also kurz vor die Haustür gehen und sofort zurück. Die Dauer am Anfang hier ungefähr 10 bis 20 Sekunden und auch dann kannst du schrittweise steigern. Die Zeiträume klingen natürlich sehr, sehr kurz, das weiß ich, aber genau diese Kleinschrittigkeit verhindert Stress. Dein Welpe sollte unbedingt während des gesamten Trainings entspannt bleiben. Solange er Stresssignale zeigt, war der Schritt zu groß. Ein realistischer Zeitrahmen für den Aufbau von einem zuverlässigen Alleinebleiben von ungefähr zwei bis drei Stunden sind immer mehrere Monate. Das ist keine schlechte Nachricht, sondern das ist eine realistische Einschätzung. Denn wer hier zu Beginn des Lebens des Hundes Geduld mitbringt, erspart sich später jahrelange Probleme.

Tanja:
[15:14] Kommen wir zurück zu den erwachsenen Hunden und ein bisschen in den Trainingsbereich. Wie trainiert man das Alleinebleiben beim Hund? Im Prinzip ist das Ganze sehr ähnlich wie beim Welpen, nur mit potenziell schnelleren Steigungen, aber auch immer hier abhängig vom individuellen Hund. Also der Kerngedanke ist immer, dein Hund muss während des Trainings zu jedem Zeitpunkt entspannt bleiben. Gehen wir einmal kurz die essentiellen Grundlagen durch. Nummer 1. Keine Überforderung während des Trainings. Das bedeutet, während du am Alleinebleiben arbeitest, wenn dein Hund damit ein Problem hat, darf dein Hund nicht in die Situation gebracht werden, dass er überfordert wird. Musst du dringend einkaufen, dann nimmst du ihn mit oder organisiere eine Betreuung. Überforderung wirft euer Training an der Stelle zurück.

Tanja:
[16:16] Nummer 2. Eine Kamera ist absolut unverzichtbar. Denn du musst sehen können, wie dein Hund reagiert, sobald du außer Sichtweite bist. Viele Hunde zeigen den Stress erst, wenn ihre Bezugsperson tatsächlich weg ist und nicht während des Abschiedsrituals. Dazu reicht eine einfache Handykamera oder eine einfache Haustierkamera. Drittens, ein individueller Trainingsplan. Für das Alleinebleiben gibt es keinen Trainingsplan von der Stange. Jeder Hund ist hier anders und manche brauchen Wochen für die ersten fünf Minuten. Andere schaffen das in ein paar Tagen. Vergleich dich hier bitte nicht mit anderen, sondern konzentrier dich auf dich und deinen Hund.

Tanja:
[17:07] Wie lange dauert es also jetzt, dem Hund das Alleinebleiben beizubringen, wenn man schon ein Problem damit hat? Die ehrliche Antwort, denk hier lieber in Monaten und nicht in Wochen. Diese Zeitangabe frustriert viele Menschen und das verstehe ich auch. Aber unrealistische Erwartungen führen hier einfach zu viel Druck und Druck führt zu Fehlern, Fehler wiederum führen zu Rückschritten. Akzeptiere bitte von Anfang an, dass es ein Langzeitprojekt ist, das Alleinebleiben neu aufzubauen. Das nimmt den Stress und den Druck aus dem Training.

Tanja:
[17:47] Gibt es denn einen universellen Trainingsplan für Hunde? Nein, den gibt es nicht. Die Antwort mag ein bisschen unbefriedigend klingen, aber sie ist ganz wichtig. Denn jeder Hund ist einzigartig, jede Lebenssituation anders und entsprechend ist auch jeder Trainingsplan anders. Ein guter Trainingsplan berücksichtigt die folgenden Punkte. Die Lebenssituation deines Hundes, also seine Bedürfnisse, Gesundheit und Alter. Die Persönlichkeit des Hundes. Das Lebensumfeld, also Wohnung, Haus, wie ist die Lautstärke von außen. Deine Möglichkeiten, also wie viel Zeit kannst du investieren und weitere Stressoren. Also hat dein Hund vielleicht andere Ängste oder Probleme, die mit einbezogen werden müssen? Eine weitere häufige Frage, die mich oft erreicht, ist folgende. Mein Hund bleibt eine Stunde lang gut allein, aber danach zeigt er Stress. Kann ich dann einfach ab dieser einen Stunde weiter trainieren?

Tanja:
[18:56] Hier ist meine Antwort, nein, das wird so nicht funktionieren. Diese Frage ist extrem wichtig, weil hier ein häufiges Missverständnis liegt. Was du beobachtest, ist, dass dein Hund scheinbar in der ersten Stunde entspannt ist und danach zeigt er Stressverhalten. Die logische Schlussfolgerung daraus wäre natürlich ab einer Stunde ansetzen und dann weiter steigern. Aber so einfach ist es nicht, denn dein Hund hat schon zu Beginn der Alleinezeit Stress. Er kann diesen Stress nur noch eine Weile lang gut kompensieren. Er versucht also wirklich alles, um sich zusammenzureißen sozusagen. Und nach einer Stunde ist sein Stresslevel dann so hoch, dass er jetzt nicht mehr verbergen kann das, was nicht stimmt und das fast läuft über. Das bedeutet für dich, du musst das Alleinebleiben komplett neu aufbauen. Beginnt also wieder bei sehr kurzen Zeiten, in denen dein Hund tatsächlich entspannt ist. Nur so lernt er, dass Alleinsein keine Bedrohung ist. Hier ist professionelle Hilfe besonders sinnvoll. Eine Verhaltensberaterin kann dir einen individuellen Trainingsplan mit dir zusammen entwickeln und dir auch helfen, die feinen Stresssignale zu erkennen, bevor sie offensichtlich werden.

Tanja:
[20:19] Kommen wir zum Thema Hilfsmittel beim Alleinebleiben. Hier ist eine häufige Frage, die mir oft begegnet. Hilft ein Futterspielzeug oder ein Kausnack beim Alleinebleiben?

Tanja:
[20:33] Die Antwort hier ist gar nicht so einfach, denn das Problem mit dem Futter beim Alleinebleiben ist folgendes. Es kann zum Ankündigungssignal werden. Dein Hund lernt also, Kong wird gefüllt, Mensch geht weg, Panik. Statt Ablenkung wird das Futterspielzeug zu einem Stressauslöser. Außerdem passiert häufig Folgendes. Der Hund lässt sich kurzzeitig mit dem Futter ablenken, arbeitet zum Beispiel seinen Kong ab und gerät danach in Panik, wenn das Futter leer ist und ihm bewusst wird, dass er alleine ist. Das kann die Situation also sogar noch verschlimmern. Wann kann es funktionieren? Bei manchen Hunden, die vielleicht nur eine ganz leichte Unsicherheit zeigen, aber keinen direkten Trennungsstress oder Panik, kann ein hochwertiger Kausnick helfen, die ersten paar Minuten zu überbrücken. Das ersetzt aber kein Training. Und du musst auf jeden Fall hier sehr gut aufpassen, dass das Futter nicht zu einer festen Verknüpfung mit dem Alleinebleiben wird. Eine Empfehlung deshalb, setz bitte Futter nicht gezielt als Alleinebleib-Hilfsmittel ein. Wenn dein Hund entspannt ist und zufällig einen Kausnack hat, wenn du kurz rausgehst, dann ist das kein Problem. Aber als Strategie eher nicht. Hilft eine Box beim Alleinebleiben.

Tanja:
[22:00] Ganz klare Antwort, nein. Und mehr noch, das Ganze ist tierschutzrelevant. Ein Hund beim Alleinebleiben in eine Box zu sperren, ist nach der aktuellen Gesetzgebung in Deutschland nicht erlaubt. Es gibt noch mehrere Gründe, warum das außerdem problematisch ist. Ist ein Hund eingesperrt, so hat er keinerlei Möglichkeiten, mehr normale Verhaltensweisen zu zeigen. Er kann also nicht was trinken gehen, er kann sich nicht umpositionieren oder einen anderen Liegeplatz suchen, er kann nicht aus dem Fenster schauen, was für manche Hunde total beruhigend und eine schöne Beschäftigung bei Alleinbleiben ist. Und er ist der Situation komplett ausgeliefert. Die Box verstärkt also das Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was wir beim Alleinebleiben-Training erreichen wollen. Es ist also ein absolutes No-Go.

Tanja:
[22:58] Helfen Fernseher oder Musik beim Alleinebleiben? Hier gibt es eine bisschen differenzierte Antwort. Hintergrundgeräusche wie Musik, White Noise oder auch Brown Noise können in bestimmten Fällen sinnvoll sein, aber nicht aus den Gründen, die die meisten Menschen hier im Hinterkopf haben. Wofür kann es denn helfen? Manche Hunde reagieren auf Geräusche von außen sehr stark. Also zum Beispiel Schritte im Treppenhaus, der bellende Nachbarshund oder Straßenlärm. Hintergrundgeräusche können dann diese unvorhersehbaren Reize ein bisschen überdecken und dem Hund ein bisschen dabei helfen, ruhig zu bleiben. Das ist besonders dann wichtig, wenn Trennungsstress zusammen mit einer Geräuschangst auftritt, was auch recht häufig ist.

Tanja:
[23:54] Wobei es aber nicht hilft, und hier sind wir wieder bei gängigen Mythen und Missverständnissen, diese Geräusche leisten deinem Hund keine Gesellschaft und das unterhält ihn auch nicht, wenn du ihm den Fernseher anlässt. Und vor allem, es löst keine Trennungsangst. Und wir haben auch hier das Problem, dass wir ein Risiko haben, dass Fernseher oder Musik zum Ankündigungssignal werden. Also der Hund merkt, die Musik wird angestellt, der Mensch geht, also Stress. Du musst also darauf achten, dass die Geräusche nicht ausschließlich beim Alleine-Sein laufen. Meine Empfehlung an der Stelle, White Noise zum Beispiel kann ein unterstützender Baustein sein, wenn dein Hund stark auf Geräusche, insbesondere Außengeräusche, reagiert. Aber es ist kein Wundermittel und kein Ersatz für richtiges Training. Und mit Trennungsangst und dem Training an der Trennungsangst hat es schlicht und ergreifend überhaupt gar nichts zu tun.

Tanja:
[24:56] Hilft ein zweiter Hund bei Trennungsangst? Nein, diese Antwort ist ganz eindeutig, ein Hund braucht den Menschen als Bezugsperson. Ein zweiter Hund ist für diese Art der Bindung kein Ersatz. Was aber dagegen oft passiert, es wird ein zweiter Hund angeschafft, in der Hoffnung, der erste hätte dann Gesellschaft und das Trennungsproblem wäre weg. Stattdessen hat man dann aber oft zwei Hunde mit Trennungsstress Oder man hat einen Hund mit Trennungsstress, der sich dann jetzt zusätzlich noch in dieser Zeit mit einem fremden Hund auseinandersetzen und klarkommen muss. In sehr, sehr seltenen Fällen kann ein sehr selbstständiger und ruhiger Zweithund eine leicht beruhigende Wirkung haben. Das ist aber wirklich absolute Glückssache und keine Lösung. Die Lösung ist Training und kein weiteres Tier. Und es sollte bitte auch kein zusätzliches Tier, kein zusätzlicher Hund angeschafft werden, um irgendein Problem des ersten Hundes zu lösen. Das ist schlicht und ergreifend unfair.

Tanja:
[26:04] Was kann man denn tun, wenn der Hund bereits Trennungsstress hat? Schritt Nummer 1 ist hier, alleine Zeiten sofort auszusetzen.

Tanja:
[26:15] Das klingt jetzt radikal, ist aber essentiell für das Training. Denn jede weitere Überforderung verfestigt das Problem und dein Hund erlernt mit jeder weiteren Paniksituation, dass alleine sein lebensbedrohlich ist. Und dieses Muster gilt es zu durchbrechen.

Tanja:
[26:33] Schritt 2 ist deshalb, Betreuung organisieren. Familie, Freunde, Nachbarn, Hundesitter, Dog-Sharing, was auch immer, erkundige dich hier und nutze alle Möglichkeiten. Ja, das ist aufwendig und ja, das kostet vielleicht auch Geld, aber es ist der einzige Weg, um deinen Hund zu helfen.

Tanja:
[26:54] Schritt 3. Starte den Neuaufbau in ganz kleinen Schritten. Beginne das Training so wie zuvor beschrieben, ganz, von vorne, kleinschrittig und ohne Überforderung. Auch wenn dein Hund vielleicht früher alleine bleiben konnte, das alte Lernmuster ist offensichtlich zerstört und du musst was Neues aufbauen. Schritt Nummer 4. Professionelle Hilfe suchen. Bei bestehendem Trennungsstress rate ich ganz dringend zur Zusammenarbeit mit einer qualifizierten Verhaltensberaterin, denn sie kann mögliche Stolpersteine aufdecken, bevor diese zum Problem werden, dir mit einem individuellen Trainingsplan helfen und dich auch durch schwierige Phasen begleiten. Sie kann außerdem einschätzen, ob eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll ist und Dich an einen passenden Fachtierarzt oder eine Fachtierärztin empfehlen.

Tanja:
[27:51] Damit kommen wir schon zur nächsten Frage. Gibt es denn Medikamente, die bei Trennungsstress helfen?

Tanja:
[27:58] Ja, es gibt Medikamente, die die mit dem Trennungsstress verbundenen Angstzustände lindern können. Die sind aber kein Ersatz für Training. Was diese Medikamente leisten können, ist Folgendes. Sie nehmen die Spitze von der Angst weg. Dein Hund ist also ein bisschen zugänglicher für Training und nicht mehr in ständiger Panik. Besonders bei schweren Fällen, auch mit Panikattacken, können Medikamente also einen Unterschied machen, ob das Training möglich ist oder das Training unmöglich ist. Ganz wichtig, was diese Medikamente nicht und niemals leisten können. Sie sind keine Heilung, sie trainieren nicht und sobald du diese Medikamente absetzt, ohne trainiert zu haben, ist das Problem wieder da. Und das ist eine ganz wichtige Regel bei Verhaltensproblemen. Medikamente dürfen immer nur von einer Verhaltenstierärztin verschrieben und begleitet werden, nicht von einem normalen Haustierarzt und bitte schon gar nicht irgendwie im Selbstversuch. Die Dosierung und die Auswahl des Wirkstoffs ist sehr komplex und deshalb sollte das unbedingt eine Verhaltenstierärztin begleiten. Und ganz wichtig, Medikamente sind hier ein möglicher Baustein in einem Gesamtkonzept, aber niemals die alleinige Lösung.

Tanja:
[29:24] Ich fasse nochmal die wichtigsten Punkte zusammen. Trennungsstress ist keine Verhaltensstörung, sondern ein nachvollziehbares Problem, denn dein Hund ist auf dich angewiesen, auch für seine Bedürfnisbefriedigung. Deshalb ist das Alleine-Sein für ihn biologisch und auch emotional herausfordernd. Training am Alleinebleiben braucht Zeit, mehrere Monate sind hier normal. Unrealistische Erwartungen führen nur zu Druck und zu Fehlern. Bitte akzeptiere diesen Zeitrahmen deshalb von Anfang an. Ein kleinschrittiges Vorgehen ist der Schlüssel. Dein Hund muss zu jedem Zeitpunkt entspannt bleiben. Überforderungen werfen euch zurück. Viele beliebte Hilfsmittel sind kontraproduktiv, Boxen sind tierschutzrelevant, Futter kann zum Stressauslöser werden und auch ein zweiter Hund ist kein Ersatz für deine Anwesenheit. Bei bestehenden Problemen deshalb bitte alleine Zeiten aussetzen und professionelle Hilfe suchen, denn jede weitere Überforderung verschlimmert die Situation. Es gibt hier keinen Universalplan, denn jeder Hund ist einzigartig und auch jede Situation und deshalb ist die Individualisierung des Trainingsplans entscheidend für den Erfolg.

Tanja:
[30:50] Wenn du Unterstützung bei Trennungsstress hast, dann wende dich gerne an mich, denn du musst das Ganze nicht alleine durchstehen. In meiner Verhaltensberatung begleite ich dich Schritt für Schritt zusammen mit deinem Hund durch den gemeinsamen Trainingsprozess. Wir entwickeln einen individuellen Plan, der zu eurer Situation passt.

Tanja:
[31:11] Du hast außerdem eine regelmäßige Begleitung, wir passen den Plan an.